[Review] Intronaut – Fluid Existential Inversions

Soundcheck Februar 2020# 10

Fast fünf Jahre sind ins Land gezogen, ehe INTRONAUT den Nachfolger ihres letzten Albums „The Direction Of Last Things“ präsentieren konnten. Aber das hatte seine Gründe. Die Band fühlte sich nach dem intensiven Schaffensprozess besagter Platte ausgebrannt, Gitarrist/Sänger Sacha Dunable gibt laut Presseinfo sogar zu Protokoll, dass er kurz davor gewesen sei, ganz aufzuhören. Zudem warf ein Lineup-Wechsel die Band um ein weiteres Jahr zurück. Sie kommt aber nun verstärkt durch den neuen Schlagzeuger Alex Rüdinger (ex-THE FACELESS, WHITECHAPEL) zurück, um mit „Fluid Existential Inversions“ erneut zuzuschlagen. Womit? Mit amotsphärischem Frickel-Prog natürlich, der um ein paar Ecken mit Post-Metal verwandt ist.

Die Intronauten heben wieder ab

„Fluid Existential Inversions“ ist aber nicht nur musikalisch bis zum Rand mit Substanz vollgestopft. Das Konzept hierhinter befasst sich mit der stetigen Entwicklung des menschlichen Lebens in gesellschaftlich und politisch turbulenten Zeiten. Der musikalische Gehalt, den die US-Amerikaner kredenzen, hat hat vor allem anno 2020 eine einschlägig rhythmische Beschaffenheit, die sich nach dem stimmungsvollen Intro „Fluid Existential Inversions – Procurement Of The Victuals“ [der Albumtitel ist laut Trackliste der Presseinfo jedem Titel vorangestellt und wird in den folgenden Erwähnungen nicht mehr aufgeführt, Anm. d. Red.] im ersten richtigen Song „Cubensis“ direkt niederschlägt.

Palm-Mute-Riffs zuckeln hektisch, beinahe perkussiv durch die Boxen und werden durch das präzise Drumming von Rüdinger mit reichlich Groove eingefasst. Zudem hat der Song einen guten Drive, der ihn nach vorne bringt. Diesen Qualitätsstandard erhält „Fluid Existential Inversions“ leider nicht durchgehend aufrecht, weshalb sich der ein oder andere Stolperstein auf die Trackliste geschichen hat. „The Cull“ ist so ein Beispiel, bei dem die Waage in Richtung der atmorphärischen Seite kippt. Das managen INTRONAUT aber nicht wirklich geschickt, weshalb es dem Song an ebenjenem Druck fehlt, der noch „Cubensis“ angetrieben hat. Doch bieten die US-Amerikaner glücklicherweise dennoch genug Highlights, um die Falte einigermaßen glatt zu bügeln.

INTRONAUT fehlt es nicht am Spektakel

„Contrapasso“ ist anfangs im schweren Offroad-Modus unterwegs und wühlt mit erdigen Grooves haufenweise Schmutz auf. Hier überzeugt auch die atmosphärischere Seite der Dinge dank vielschichtiger, feinsinnig verwobener Synth-Arrangements und erneut perkussiv spielender Gitarren, die wie in „Cubensis“ ihre eigentümliche Magie wirken. „Check Your Misfortune“ setzt wieder vermehrt auf das atmosphärische Pferd, schmuggelt aber auch ein paar feine, dissonante Riffs in seine heftigeren Passagen hinein. Ausbaufähig sind hier allein die etwas gezwungen wirkenden Shouts. Der Rausschmeißer „Sour Everythings“ profitiert von seinen lässigen Grooves, welche die vereinzelt aufploppenden Lounge-Jazz-Vibes gekonnt unterstreichen.

Kurzum: Was die Band darbietet, gefällt, und lässt zu keiner Zeit das technische Spektakel missen. Unterm Strich sind die atmosphärischen Spielereien noch am besten ausgefallen. Bei den heftigeren Parts gestaltet sich das Riffing hier und da mal etwas generisch, was die Band üblicherweise jedoch durch ihr vertracktes Songwriting ausgleicht. Der Gesang ist mehr von zweckdienlicher Gattung: passend, aber nicht überragend. Abgesehen von einigen gezwungen wirkenden Brüllern hier und da geht er aber vollkommen in Ordnung und stört das Gebilde kaum, sodass sich INTRONAUT hier nicht zu viel Potential zerschießen.

„Fluid Existential Inversions“ ist erwartungsgemäß auch technisch beeindruckend

Für Unentschlossene sei gesagt: Das technische Spektakel allein macht den Ausflug in die Welt von INTRONAUT mindestens kurzweilig wert. Die US-Amerikaner stecken krumme Takte, kontrapunktische Motive und eine insgesamt angenehm kühle Stimmung in ihre Songs rein und spielen Möchtegern-Proggies, die mit vier Akkorden pro Song schon hoffnungslos überfordert sind, locker schwindelig. Der klare, druckvolle Sound hilft hier ebenfalls, um das Hörvergnügen an sich so angenehm wie möglich zu machen. Somit punktet „Fluid Existential Inversions“ also mindestens mal auf ästhetischer Ebene. Wer sich an musikalisch-technischem Muskel-Flexing ergötzen kann, wird hier folglich seine helle Arnold-Freude haben.

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Author: Slyzza