[Review] Dissection – The Somberlain

„From my tower I behold the landscape below
I see the river of blood in my fury flow
I stare into the night, yet my vision’s clear
From the distant villages every word I hear.“

Es gibt seltene magische Momente in der Heavy-Metal-Geschichte, die im Laufe ihrer Existenz ein diabolisches Eigenleben entwickeln. Ein Gefühl, in eine andere Welt entführt zu werden, in der man psychisch und physisch ganz aufgeht und vor morbider Glückseligkeit mehrere Adrenalinrauscherfahrungen durchlebt. DISSECTIONs erstes Album “The Somberlain” ist eines der ultimativen Metal-Alben überhaupt, weil es mit genau dieser Magie nicht nur punktuell, sondern vom ersten bis zum letzten verfluchten Moment eine verstörende Schönheit offenbart, die schwere emotionale Nachwirkungen verursachen kann. Zudem vermochten es DISSECTION 1993 in erstaunlich fortschrittlicher Manier, die besten Elemente aus den Genres Black-, Death-, Thrash- und nicht zuletzt klassischem Heavy Metal zu einem formvollendeten Ganzen zu gießen, das durch die verdrossen gekeiften Texte über Spiritualität, Todessehnsucht und Satanismus eine völlig neuartige suggestive Bedrohlichkeit erzeugte.“The Somberlain” hat weit über 20 Jahre nach seiner Entstehung nichts von dieser Wirksamkeit verloren.

DISSECTION: Das große Potential und die traurige Realität

Das Debüt-Album der Stockholmer ist das Produkt von blutjungen, aber musikalisch erfahrenen Musik-Enthusiasten, die eine hörbar weniger puristische Einstellung zum extremen Underground-Metal an den Tag legten als die kurz zuvor boomenden Kollegen aus Norwegen. Vor allem Bandleader Jon Nödtveidt (Gesang und Gitarre) war für einen Achtzehnjährigen schon recht aktiv und entwickelte sich mit Projekten wie RABBIT’S CARROT, SIREN’S YELL, OUTBREAK, THE BLACK und OPHTHALAMIA von kindischem Thrash hin zum typisch schwedischen Black Metal. Da DISSECTION zunächst parallel zu all diesen Projekten liefen, entwickelte sich auch deren Stil von grobschlächtigem Death Metal hin zum ureigenen Genre-Mix, der bereits deutlich von der Radikalität der norwegischen Black-Metal-Bands beeindruckt war und ganze Schulbusse von Nachahmern auf den Plan rief.

Auf dem ebenso legendären Nachfolger “Storm Of The Light’s Bane” von 1995 sollte Death Metal dann fast völlig abstinent sein. Neben der Musik orientierte sich Jon Nödtveidt auch immer mehr ideologisch an seinem Vorbild Euronymous (MAYHEM) und propagierte lebensfeindlichen, radikalen Satanismus. Spätestens mit “Storm Of The Light’s Bane” waren DISSECTION nicht mehr aufzuhalten: ein Deal mit dem aufsteigenden Branchen-Riesen Nuclear Blast, die Band wurde von der Presse hofiert, spielte auf Wacken und konnte mit (damaligen) Speerpitzen wie SATYRICON und DIMMU BORGIR touren. Nur Nödtveidt selbst war blöd genug, seine Karriere und mehrere Lebensgeschichten zu zerstören, indem er nächtens mit seinem “Ordensbruder” Vlad den 38-jährigen Josef Ben Meddour aus niedersten Gründen erschoss. Nödtveidt muss für mehrere Jahre ins Gefängnis, um 2006 mit verändertem Line-up und dem bis heute musikalisch und inhaltlich enorm umstrittenen “REINKAΩS”-Album zurückzukehren. Im gleichen Jahr wird die Band aufgelöst und der bereits vollständig zum ideologischen Fundamentalisten gewordene Nödtveidt schießt sich in den Kopf. Brillante Musik eines höchst fragwürdigen Charakters – hätten wir das also.

“It’s the dawn of descending – I am the somberlain”

Ein diabolisches, rückwärts abgespieltes Flüstern ertönt und DISSECTION starten mit einem klirrend kalten Black-Metal-Riff in den überlangen Opener “Black Horizons”. Wer sich nicht daran erinnert, beim ersten Hördurchlauf völlig geplättet von den unzähligen, teils sehr plötzlichen Tempo- und Motivwechseln, den einnehmenden Melodien und dem majestätischen Gekrächze Nödtveidts gewesen zu sein, hat vermutlich das Wesen von Musik per se nicht verstanden. Ein Übersong mit Jahrhundertqualität, der eigentlich gar keine Steigerung mehr zulassen dürfte. Wäre da nicht das folgende Titelstück “The Somberlain” mit seiner geballten Verzweiflung, seinen wunderschönen Melodien und seinem erneut grandiosen und unkonventionellen Aufbau. Allein der sehnsüchtige Mittelteil zwingt einen in die Knie! “The Somberlain” ist einer der besten Metal-Songs überhaupt und reiht sich ein in visionäre Klassiker der Marke “Rime Of The Ancient Mariner” oder “Master Of Puppets”.

Mit dem anschließenden “Crimson Towers” folgt eines von insgesamt drei Konzertgitarren-Interludien auf “The Somberlain”. Mit diesen stark am Barock allgemein respektive JOHANN SEBASTIAN BACH speziell orientierten Eigenkompositionen von Rhythmusgitarrist John Zwetsloot (die er übrigens nach seinem Ausstieg/Rauswurf auf der hörenswerten EP “Spiteful Intents” von CARDINAL SIN fortführte) bewiesen DISSECTION Innovationswillen und Kreativität, denn auch diese tragen erheblich zur bereits erwähnten suggestiven Bösartigkeit der Platte bei. Der dritte vollständige Song des Albums “A Land Forlorn” ist auch der dritte Zehn-Punkte-Song in Folge und besticht, ebenso wie sein Nachfolger “Heaven’s Damnation” mit erhabenen Melodien, kalter Black-Metal-Raserei und einer absolut konkurrenzlosen Atmosphäre.

“Lord of infernal, gather my strength. Carry me through the gate.”

Daraufhin sind die zum Veröffentlichungszeitpunkt taufrischen Stücke von DISSECTION weitgehend passé. Auf der zweiten Hälfte des Albums findet sich überwiegend überarbeitetes, neu aufgenommenes Demo- und Rehearsal-Material aus den allerersten Jahren der Band. Vor allem das griffige “Frozen” sticht heraus. Die übrigen Songs der B-Seite sind natürlich nicht schlechter als die zuvor präsentierten Stücke, allerdings in ihrem Aufbau auch beileibe noch nicht so komplex – wobei sich Andeutungen in die Richtungen beispielsweise in “The Grief Prophecy / Shadows Over A Lost Kingdom” bemerkbar machen. Dafür dürften sie all jenen zusagen, die die rohere Seite der Band präferieren.

Das abermals barocke “Feathers Fell” aus der Feder von John Zwetsloot beschließt “The Somberlain” nachdenklich und melancholisch. Die Gesamtwirkung des Albums ist atemberaubend und geradezu lebensverändernd. Man weiß, dass da zwar grob gesagt gerade Heavy Metal lief; dieser hat jedoch kein bisschen Entertainment- oder Partyfaktor. “The Somberlain” ist pure Kunst, die aus den Gemütern seiner Schöpfer in ungehemmter Inspiration floss. Ist man dem wortwörtlichen Zauber von “The Somberlain” erst einmal erlegen, kann man ihm lebenslang nicht mehr entkommen.

„And I laugh as I burn down the pearly gates of light
and forever I’ll be within the arms of abomination.“

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