[Interview] Unto Others – Interview mit Gabriel Franco zu „Strength“

Es ist viel passiert im Hause IDLE HANDS. Major Deal, Umbenennung in UNTO OTHERS und jetzt ist nach über zwei Jahren Wartezeit auch endlich der zweite Longplayer „Strength“ erschienen. Wir schnappten uns daher Sänger, Gitarrist und Mastermind Gabriel Franco und unterhielten uns mit dem sympathischen Metal-Nerd nicht nur über die neue Platte, sondern auch über den Namenswechsel, die Szene in Portland, Oregon, die politische Situation in den USA und Presslufthämmer.

Unto Others - Bandlogo

Hi Gabriel. Ich habe gelesen, „Strength“ zu schreiben war ein ziemlicher Kampf und ging nicht so leicht von der Hand, wie man vielleicht vermuten könnte, nach einer so erfolgreichen ersten EP und dem Debüt-Album. Kannst Du uns mehr dazu erzählen? Wurdest Du von der Corona-Pandemie und all ihren Nebeneffekten beeinflusst, oder war es einfach eine klassische Schreibblockade?

Nein, nicht wirklich eine Schreibblockade, eher Apathie, gemischt mit einer leichten Depression, aber hauptsächlich Prokrastination, weil ich so viel Zeit hatte. Ich begann mir zu sagen: „Ach, scheiß drauf, ich kann das auch morgen noch erledigen.“ Und das ist nicht, wie Kunst entsteht. Du musst zuschlagen, wenn die Inspiration stark ist. Also ja, es war ein absoluter Kampf. Obendrauf kam auch noch, dass ich mich wegen des Namenswechsels und allem Drumherum so fühle, als ob ich die Reputation der Band wieder von Null aufbaue, obwohl natürlich unsere alte Musik noch da ist. Ich denke das, was dadurch am meisten Schaden genommen hat, war unser Image. Vielleicht ist das auch alles nur in meinem Kopf, aber ich frage mich selbst, wie ich uns als diesen coolen aufsteigenden Stern etabliere. Beispielsweise gab es viel mehr Aufmerksamkeit, als wir gerade erst gestartet waren, einfach weil sich damals alles so schnell bewegte. Jetzt haben wir uns fast den gleichen Zeitraum lang gar nicht bewegt. Ich glaube, wir befinden uns jetzt fast genau so lange Zeit in der Pandemie, wie zwischen dem Release unserer ersten EP und unserer Tour mit KING DIAMOND vergangen ist. Vielleicht sogar etwas länger. Wir sind nicht mehr diese heiße, frische, neue Band. Es ist also viel anstrengender die Leute dazu zu bewegen, dass sie denken: „Oh mein Gott, diese Jungs machen echt geilen Scheiß.“ Man muss die großen Tourneen bekommen, aber es gibt gerade keine großen Tourneen, an denen man sich beteiligen könnte. Aber trotzdem ist „Strength“ entstanden, es ist fertig und mittlerweile dort draußen.

Welch einen Einfluss hatte denn all der Ärger um die Namensänderung auf Dich und die Band? Ich weiß nicht wie viel Du darüber sagen kannst oder ob Du das überhaupt möchtest, aber ich vermute Du dachtest nicht einfach: „Ach, was soll’s. Es ist nur ein Name.“

Nein, ich kann eine ganze Menge dazu sagen. Im Prinzip schlug die Pandemie zu und wir sind von dieser abgebrochenen Tour nach Hause gefahren. Direkt danach arbeiteten wir an unserem Vertrag mit Roadrunner. Wir haben tatsächlich schon im April 2020 unterschrieben, wenn ich mich richtig erinnere. Wir waren also bereits fast ein Jahr dort unter Vertrag, bevor die Öffentlichkeit davon erfuhr. Was also passierte war, dass wir nun Teil eines Major Labels waren und dort muss man nun mal Inhaber seiner eigenen Marke sein. Das waren wir einfach nicht und diejenigen, denen sie gehörte, wollten sie nicht an uns verkaufen. Sie waren ziemlich unhöflich, was diese ganze Sache anging. Also suchten wir uns einen neuen Namen aus. Er sollte denselben mehrdeutigen Sinn dahinter besitzen, wie bereits IDLE HANDS. Das ist etwas, von dem ich möchte, dass die Leute sich ihre eigenen Gedanken dazu machen. Der Name kann als „was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ interpretiert werden, also als eine positive Botschaft. Aber auch als aggressive Botschaft: „Füge anderen etwas zu“ bzw. „füge anderen Schaden zu“. Ich denke der Name funktioniert ganz gut, wenn man ihn im Hinterkopf hat und sich dann unsere einzelnen Songs anhört.

Ich bin aber natürlich ein wenig enttäuscht, denn ich finde unser alter Name funktionierte sehr gut mit unseren bisherigen Albumtiteln. Auf „Mana“ hatten wir die Hände ja sogar auf dem Cover, aber außerdem ist das Wort „Mana“ dem spanischen Wort „Manos“ relativ ähnlich, und das bedeutet Hände. Das gleiche gilt für IDLE HANDS und „Don’t Waste Your Time“, wegen des Sprichworts „IDLE HANDS are the devil’s playthings“ (auf Deutsch etwa: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, Anmerk. d. Verf.), was eigentlich sagen will: Verschwende nicht Deine Zeit. Es war also ein interessanter Übergang, da ich versucht habe, den neuen Namen in Einklang mit den Ideen zu bringen, die ich habe. Künftig wird es da also wieder eine stärker zusammenhängende Struktur geben. Natürlich ist es hart das wieder aufzubauen, aber wir hatten keine andere Wahl. Entweder das, oder die Band auflösen. Aber warum sollte ich das tun? Es war einfach eine klassische beschissene Situation. Aber egal, ein Schritt vorwärts nach dem anderen. Und da ergibt sich auch schon der Albumtitel: „Strength“ – Stärke!

Wo wir bei „Strength“ sind – lass uns doch gleich einsteigen, über die Einzelheiten des neuen Albums zu sprechen. „Heroin“ ist der mit weitem Abstand härteste Eurer Songs bislang. Auch einige der anderen Songs, besonders in der ersten Albumhälfte, haben ziemlich metallische Parts, hauptsächlich von der NWOBHM beeinflusst, würde ich sagen. War das etwas, was Du auf „Strength“ stärker einbinden wolltest, oder hat sich das einfach ergeben?

Ich glaube, ich habe „Heroin“ ungefähr vor zwei Jahren geschrieben und hatte ihn seitdem quasi in der Hinterhand. Ich habe den Song dann wieder mal herausgeholt und dachte: „Ja, das ist schon echt cool, aber viel zu heavy für IDLE HANDS.“ Trotzdem zeigte ich ihn meiner Frau und sie flippte total aus. Sie meinte, dass das vermutlich ihr Lieblingssong von allen ist, die ich bislang geschrieben habe. Ich sagte ihr: „Ja, aber ich kann ihn nicht auf die Platte packen.“ Sie antwortete: „Na klar kannst Du. Scheiß drauf – pack ihn auf die Platte!“ Ich muss also meiner Frau hoch anrechnen, dass sie mich überzeugte, den Song mit aufzunehmen. Ich denke er ist ziemlich gut geworden und er bestätigt irgendwie auch meine Theorie, die ich hatte, als ich die Band startete. Ich sagte den Jungs immer, wenn jemand etwas meinte wie „das ist ein eigenartiges Riff“ oder „der Part ist irgendwie komisch“: Es wird alles nach uns klingen, so lange ich dazu auf die gleiche Art und Weise singe. Die Stimme hält alles irgendwie zusammen und das habe ich bei vielen Bands festgestellt. Du hörst Dir total eigenartige JUDAS PRIEST-Songs an, aber Du denkst: „Hey, das ist Rob Halford, das ist immer noch PRIEST.“

Unto Others - Bandfoto 2021

Starten mit neuem Namen wieder durch: UNTO OTHERS (Foto: Peter Beste)

Ich stimme Dir zu, ich finde auch, dass der Song ziemlich gut geworden ist. Eine andere Nummer, die für mich hervorsticht ist „Hell Is For Children“. Wie ist er denn entstanden? Für mich ist das purer Classic Rock mit einem starken MIDNIGHT OIL-Vibe – obwohl er sich dann zum Ende in einen typischen UNTO OTHERS-Song entwickelt.

Das ist eigentlich ein Cover. Ich hoffe Du fühlst Dich deswegen jetzt nicht schlecht. (lacht) Das ist PAT BENATAR, aber nicht viele kennen diesen Song. Ich bin eigentlich nicht gerade ein großer PAT BENATAR-Fan. Ich mag sie, aber ich höre nicht unbedingt jeden Tag ihre Platten. Ich hatte diesen Song einmal gehört, vielleicht vor sieben oder acht Jahren. Dann kam eines Tages unser Drummer zur Bandprobe, während wir „Strength“ schrieben und sagte: „Hey man, wir sollten das covern.“ Ich hörte ihn mir an und sagte sofort: „Ja, das sollten wir“. Ich dachte mir, dass das wirklich der perfekte Song für ein Cover von uns ist. Aber das ist natürlich, woher der Classic-Rock-Einfluss kommt, denn es ist einfach straighter Classic Rock. (lacht) Aber mach Dir keine Sorgen, Du bist nicht der erste, der das nicht wusste. Fühl Dich also nicht zu schlecht deswegen.

Naja, ich kann ja immer noch sagen, dass ich auch nicht wirklich ein großer PAT BENATAR-Fan bin.

Und das ist vollkommen ok. (lacht)

Vorhin hast Du erwähnt, dass Deine Stimme alles zusammenhält. Stichwort: Vocals. Mir ist aufgefallen, dass Ihr dieses Mal mit deutlich mehr Vocal-Effekten gearbeitet habt. Gab es einen speziellen Grund, warum Du Dich entschieden hast, sie jetzt einzusetzen? Außerdem habt Ihr auf „Strength“ auch eine Menge Samples verwendet (z.B. das Klicken einer Waffe, den Schrei eines Adlers, Donnergrollen, eine startende Rakete, usw.). Deutlich mehr als zuvor. Wie kam es dazu? Einige Leute finden vermutlich, dass Samples nicht zu Metal gehören, Du scheinst sie aber ziemlich zu feiern.

Das war vermutlich das Ergebnis davon, so viel Zeit zu haben. Ich fing damit an zu sagen: „Das wäre hier doch cool, das würde an dieser Stelle super passen.“ Allerdings wurden auch einige der Songs komplett so geschrieben, wie beispielsweise „Summer Lightning“. Ich wollte den Donner ursprünglich ziemlich laut im Hintergrund haben und zwar über die komplette Länge des Songs. Arthur, unser Produzent, meinte aber immer: „Nein, nein, das lässt es total scheiße klingen.“ Ich entgegnete dann: „Nein, mach das so.“ Schlussendlich fanden wir einen Kompromiss. Die Idee hatte ich vom SCORPIONS-Song „Steamrock Fever“. Dort hört man den Presslufthammer während des gesamten Songs. Zweieinhalb Minuten hört der Presslufthammer einfach nicht auf. Was für eine merkwürdige Idee, die aber dem Song nicht schadet. Ich dachte mir also: „OK, das möchte ich auch probieren.“

Was die anderen Sachen angeht: Ich versuche damit die Idee und die Emotionen auszudrücken, die der Song versucht zu transportieren. Beispielsweise das Abfeuern der Waffe in „When Will Gods Work Be Done“ und „No Children Laughing Now“. In „Gods Work“ ist es als chaotisches Massaker in Kriegszeiten gedacht, während es in „No Children“ eher für einen Amoklauf an einer Schule steht. Ich möchte einfach die Punkte nach Hause holen und sicherstellen, dass die Geschichte so verstanden wird, wie ich es beabsichtigt habe. Ich hoffe, dass es jetzt nicht zu einem Overkill an Samples wurde. Wir werden sehen.

Ich bin nicht sicher, ob es ein Overkill geworden ist oder nicht, aber es erinnerte mich an ein Interview, dass ich vor einer Weile mit einer anderen Band führte. Sie hatten auf ihrem neuen Album das erste Mal auch ein paar Samples benutzt und einige Fans diskutierten darüber, dass Samples im Metal eigentlich überhaupt nichts zu suchen hätten. Ich stimme dem absolut nicht zu. Ich gebe aber zu, dass es auch für mich beim ersten Hören ein wenig merkwürdig klang, nach drei, vier oder fünf Durchläufen gewöhnte ich mich aber daran und es Begann Sinn zu machen.

Naja, Leuten die sagen Du kannst dieses oder jenes nicht machen, sage ich sowieso: „Haut doch einfach ab!“ Das ist nicht, wie man neue Musik erschafft. Es darf einfach keine Regeln geben.

Galerie mit 11 Bildern: Idle Hands – Nothern Ghosts Tour 2019 in München

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