[Review] Guns N‘ Roses – Use Your Illusion II

Galerie mit 6 Bildern: Guns N‘ Roses – Not In This Lifetime Tour 2018

Wenn GUNS N‘ ROSES für eines bekannt sind, dann dass sie sich gerne Zeit lassen. Legendär sind natürlich die Verspätungen von Axl Rose, die es schon immer gab und auf der Tour zu diesem Album überhand nahmen sowie die 17 Jahre, die „Chinese Democracy“ auf sich warten ließ. Doch auch die vier Jahre, welche die L.A.-Rocker für ihr zweites Studioalbum brauchten, waren für damalige Verhältnisse untypisch. In den 1980er-Jahren war der Veröffentlichungstakt wesentlich enger.

Diese Zeitspanne war sowohl Ausdruck ihres damaligen Status, als auch die ersten Auflösungserscheinungen. Am deutlichsten machte sich in dieser Hinsicht Steven Adler bemerkbar, der aufgrund seines Heroinkonsums nicht mehr in der Lage war, Schlagzeug zu spielen und deswegen gefeuert wurde. Für ihn kam Matt Sorum von THE CULT. Allein das stellte schon eine wesentliche Änderung des Sounds dar, fehlte nun der eminent wichtige Swing. Axl Rose begann zudem immer mehr, seine persönlichen Interessen durchzusetzen. Er holte seinen alten Freund Dizzy Reed in die Band und sorgte für den Austausch des Managers. Da sich das aber vor allem im Hinergrund abspielte, konnte es der Popularität der Band nichts anhaben.

Auch musikalische Veränderungen

Unbeeindruckt von allen Erwartungen schlägt „Use Your Illusion II“ in verschiedene Richtungen aus: Mit ‚Civil War‘ gibt es direkt zu Beginn eine politische Halbballade. ‚Shotgun Blues‘ ist die punkige Fortsetzung eines Streits von Rose mit Vince Neil. Zudem gibt es ausschweifende Rocksongs wie etwa ‚Locomotive‘. Im Unterschied zum ersten Teil gibt es weniger knackige Rocksongs, aber dafür vor allem lange Stücke, so dauert etwa die Hälfte der Songs über fünf Minuten. Diesen ist gemein, dass sie anders als üblich mehr auf Wiederholung setzen und so einen stärkeren Jam-Charakter bekommen. Allerdings tun sie sich mit flüssigen Übergängen schwer.

Hervorzuheben unter ihnen ist ‚Estranged‘. Die Melodien von Slash fügen sich perfekt in die Atmosphäre ein. Rose zittert den Text vor. Die Dramaturgie trifft genau die Stimmung von ebenjenen, wobei insbesondere der verträumte Mittelteil herraussticht. Aber gerade auf diesem Teil finden sich einige starke Langstücke. ‚Breakdown‘ zeigt die Band in einer unwahrscheinlichen Gelassenheit und der Opener ‚Civil War‘ integriert elegant rockige Elemente in dieses Antikriegsepos.

„Some things could be better / If we’d all just let them be“

Ein Sonderfall auf diesem Album ist ‚You Could Be Mine‘, welches eigentlich bei den „Appetite For Destruction“-Sessions entstanden ist. Das Stück ist in diesem Teil eine der wenigen Brücken zum Vorgänger. Das liegt an den kernige Riffs von Slash und die treibenden Drums von Matt Sorum, die den sexistischen Text ein raues Fundament begleiten. Dennoch ist dieses Lied mit einer Laufzeit von fast sechs Minuten aber nicht so gestrafft wie es auf dem Vorgänger wohl der Fall gewesen wäre. Es sind Takte und Wiederholungen drauf, die nicht notwendig sind. Aber vielleicht ist das ja auch die falsche Prämisse der Arbeit von GUNS N‘ ROSES: Dass grundsätzlich jeder Ton der Band wertvoll sei.

Der wachsende Einfluss von Rose wird anhand der Credits immer deutlicher, nur bei ‚Pretty Tied Up‘ und dem sanften ‚So Fine‘ hat er nicht mitgeschrieben. Die zweitmeisten Beteiligungen haben McKagan und Slash mit je drei zu verzeichnen. Auch Izzy Stradlin, von dem es auf den ersten Teil noch viel zu hören gab, hat sich bei diesem Teil zurückgehalten. So hatte er es auch leicht, die Band immer mehr als Plattform für seine privaten Streitereien zu nutzen.

„Use Your Illusion II“ ließ die Fassade bröckeln

Die Selbstdemontage der folgenden Jahre deutet sich nun stärker an den Songs selber an: Da wäre zuvorderst ‚Get In The Ring‘, welches in höchstpeinlichen, infantilen Mackermanier Musikkritiker zum Kampf auffordert, weil sie die Fans um ihr hart verdientes Geld bringen würden. Der abschließende Rap ‚My World‘, der ohne Mitwissen von Roses Kollegen auf die Platte gepackt wurde, ist so verzichtbar und unausgereift, dass dieses Stück in erster Linie eine Machtdemonstration des Sängers ist. Im Nachhinein ist es unvermeidbar, ihn als Vorbote des mit „Chinese Democracy“ kommenden Stilwechsel zu sehen.

Bei all diesen Problemen hat „Use Your Illusion II“ zweifellos große Momente. Die kompositorischen Fähigkeiten von Axl Rose sind beeindruckend. Slash bekommt mehr Raum für seine Soli und kann sie größenteils auch kurzweilig füllen. Dennoch braucht man sich keine Illusionen zu machen: Das Album war der Beginn vom Ende. Rose setzte sich immer mehr durch und die anderen Bandmitglieder ließen ihn apathisch gewähren, hatten eigene Probleme. So ziehen sich egoistische Ausschweifungen durch die ganze Scheibe. Auch wenn die 150 Minuten der beiden „Use Your Illusion“-Alben für eine Veröffentlichung zu fordernd sind, so kann man aus heutiger Sicht dankbar dafür sein, dass vor dem Ende wenigstens noch alles veröffentlicht wurde.

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