„Ich habe gen Wacken gekniet.“ – Powerwolf im Interview

Man kann sagen, ihr seid bei euren Themen geblieben: Werwölfe (im weitesten Sinne) und Kirche beziehungsweise Religion, oder?

Ja, kann man. Wir haben die Werwolf-Mythologien diesmal etwas stärker in den Fokus gerückt und haben dabei festgestellt, dass es dabei letzten Endes um Glauben, um Religion und die geschichtliche Annäherung daran geht. Das ist genau unser Thema. Da ist „Beast Of Gévaudan“ der Klassiker. Weniger das „Monster“ an sich, ob es nun ein Wolf, eine Hyäne oder etwas ganz anderes war, das weiß ja niemand so wirklich, was da in Südfrankreich im 18. Jahrhundert los war. Auf jeden Fall wurden hunderte Menschen getötet, es fanden sich Biss- und Kratzspuren. Die Armee wurde hingeschickt, Angst und Schrecken machten sich breit und irgendwann sagten dann die Kleriker: „Ja seht, ihr Sünder! Ihr habt nur fürs Diesseits gelebt anstatt fürs Jenseits und nun schickt uns Gott die Strafe!“ Das ist für uns natürlich gefundenes Fressen. Ich für meinen Teil möchte das dann auch gar nicht wissenschaftlich genau erklärt bekommen. Vermutlich ginge das bei diesem Beispiel sogar, wenn man ganz genau recherchiert. Das Faszinierende ist aber über etwas zu schreiben und zu singen, dass in einer solchen Fantasie-Welt passiert. Glücklicherweise gehen uns da die Ideen nicht aus. Wir haben festgestellt, dass Werwolf-Geschichten in Schweden stattfinden, in der irischen Tradition, wie wir sie in „Blood For Blood (Faoladh)“ besingen, es gibt den klassisch-rumänischen „Varcolac“ und noch einige mehr. Besonders schön ist dabei, dass uns viele Fans Geschichten aus ihren Heimatländern näherbringen. Die packen wir in unsere „Schatzkammer“ und holen sie heraus, wenn wir den passenden Song haben.

Wie geht ihr denn an die nähere Recherche zu Songthemen ran?

Für mich war Religionsgeschichte schon immer spannend. Ich fand das Thema immer eher gruselig und nicht sonderlich feierlich, daher wollte ich herausfinden, wo es herkommt. So Themen wie die Kreuzzüge und was sonst noch in diesem Kontext stattfand und -findet, der sich ja eigentlich auf das Gute beruft. Matthew [Greywolf; Gitarrist] und Attila [Dorn; Sänger] haben einen Bezug zu Mythologien, da kommt dann eins zum anderen. Ab da gilt es dann auch zu recherchieren, sich also nicht nur auf eine Sage zu verlassen. Das wäre zu einfach. Da muss man schon etwas tiefer gehen, auch tiefer als Wikipedia, da kommen zum Teil sonst wirklich die abstrusesten Geschichten bei raus. Für mich hat ein guter Text – sei es nun für einen Song oder etwa einen Roman – eben eine gewisse fundiert Basis. Unabhängig davon sage ich aber auch ganz bewusst: Du darfst unsere Songs auch einfach nur mitgrölen. Du musst dich nicht intensiv damit befassen. Ich bin niemandem böse, der diesen ganzen Überbau ignoriert, einfach nur mit uns unsere Musik zelebriert und „Glaubenskraft!“ ruft.

Gutes Stichwort. Besagter Song hat ja durchaus einen ernsten Hintergrund.

Den hat er absolut. Wir sind keine Band, die sich politisch äußert. Als Privatpersonen natürlich schon, aber eben nicht in unserer Musik. In diesem Fall – man muss dazu auch sagen, dass das ein sehr zynischer Text ist – waren wir aber fassungslos über den Umgang der katholischen Kirche mit den Missbrauchsfällen in ihren Reihen. Ich habe kürzlich mit einem Kollegen aus Kanada gesprochen, der mir berichtete, dass es das auch dort gab. Wie all das unter den Tisch gekehrt wird, wie Ermittlungen nicht erlaubt werden, dass Gutachten ignoriert werden, wie Opfer de facto zweimal leiden müssen, hat uns derart sprachlos gemacht, dass wir uns nahezu gezwungen sahen, das zu thematisieren. Das Wort „Glaubenskraft“ haben wir dafür bewusst gewählt, weil es eine gewisse Doppeldeutigkeit hat: einerseits die positive Seite für Leute, die aus ihrem Glauben Kraft ziehen, andererseits aber auch die Idee, so lange an etwas zu glauben, bis es zu einer eigenen Wahrheit wird. Aber auch bei diesem Song gilt: „Glaubenskraft“ kannst du bei unseren Konzerten und bei Bullhead City einfach so mitschreien. Ich freue mich jetzt schon, wie die Leute in anderen Ländern es aussprechen werden.

„Und dann habe ich mir die Tränchen aus dem Auge gewischt.“

Über Konzerte wollen wir natürlich hier auch reden. Du hattest bereits erzählt, dass ihr eure letzte Tour vorzeitig abbrechen musstet, seitdem standet ihr nicht mehr auf der Bühne. Wie seid ihr damit umgegangen, dass ihr nicht live spielen konntet?

Ich persönlich gab es einen entscheidenden Moment. Ich habe mir bei einem Glas Wein ein paar YouTube-Videos unserer Konzerte angesehen. Dabei bin ich auf ein Video aus dem Publikum bei „Where The Wild Wolves Have Gone“ auf dem W:O:A 2019 gestoßen. Ich hatte von der Bühne aus gesehen, wie die Handykameras angingen und die Lichter aufleuchteten. Was ich natürlich noch nie gesehen habe, ist, wie das aus der Publikumsperspektive aussieht mit diesen großen Leinwänden, den zahlreichen Lichtern, den Menschen, die nah beieinanderstehen. Diese unfassbare Energie, die auf einmal auf diesem Feld herrschte! Mir kommen jetzt schon wieder ein paar Tränchen beim Gedanken daran. Das sah ich also auf meinem Mac und dachte: „Ey, Abstand halten ist das Gebot der Stunde!“ Hier waren wir aber alle eins, die Metal-Welt war vereint und alles war gut. Das hat mich doch schon sehr sentimental gemacht, muss ich gestehen. Und dann habe ich mir die Tränchen aus den Augen gewischt und mir gesagt: „So. Ich kann mich jetzt hängen lassen, ich kann aber auch positiv denken und weitermachen, weitermachen, weitermachen. Der Zeitpunkt wird kommen, an dem wir wieder auf der Bühne stehen, und der wird großartig sein.“ Solche Momente haben wir alle, Musiker:innen wie Fans. Für mich war es also dieses Video. Normalerweise motze ich ja, wenn die Leute die Handys hochhalten und filmen, aber in dem Fall fand ich es richtig cool.

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