[Review] Vampire The Masquerade: Vendetta

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Nach einem erbitterten Kampf zwischen Vampiren und Werwölfen riss einst Prinz Kevin Jackson die Macht geschickt an sich und regiert seither Chicago mit harter Hand. Die Kainiten der Stadt hüllen sich in einen Schleier des Friedens, heucheln Gefolgschaft für ihren Prinzen – doch insgeheim planen einige bereits, ihn zu entmachten. Hier beginnt VENDETTA, ein Kartenspiel um Macht, Verrat und Gebietskontrolle im VAMPIRE THE MASQUERADE-Universum. Dieses dürfte Rollenspielern und PC-Gamern ein Begriff sein, in die Brettspielwelt haben sich die Vampire und Werwölfe hingegen bislang nur vereinzelt gewagt.

Intrigen, Macht und Raserei

Jeder Spieler übernimmt die Führung eines nach Macht strebenden Vampirclans. Ziel des Spiels ist es, den meisten Einfluss zu bekommen und somit die Herrschaft übernehmen zu können. Einfluss wird durch Marker angezeigt, welche man wiederum durch Verbündete in den einzelnen Stadtteilen gewinnen kann. Um deren Gunst zu erhalten, muss ein Spieler zunächst durch Macht im Gebiet dominieren. Hierzu verwendet jeder Clan ein individuelles Kartendeck, welches in jeder Runde durch eine neue Karte erweitert wird. Vom Startspieler ausgehend, spielt jeder Spieler reihum eine Karte auf ein gewünschtes Gebiet, bis jeder nur noch eine Karte übrig hat. Nicht nur die gespielten Karten, sondern auch die bereits gewonnen Verbündeten bestimmen das Machtgefüge auf der Tischplatte. Blut als Währung spielt neben Einfluss eine große Rolle und sollte nie ausgehen – nicht zuletzt, weil es manchen intriganten Spielzug überhaupt erst möglich macht. Hat ein Spieler kein Blut mehr, verfällt er in Raserei und trinkt unkontrolliert einen seiner Verbündeten aus.

Nach vier Runden endet das Spiel und der Vampir mit dem meisten Einfluss stürzt Prinz Kevin vom Thron.
VENDETTA enthält bereits in seiner Grundversion mit Relikten und Gebietseigenschaften zwei optionale Zusatzmodule, damit es auch nicht so schnell langweilig oder gar zu leicht wird.

Schrilles Material

Bei VAMPIRE THE MASQUERADE: VENDETTA gibt es kein klassisches Spielbrett, sondern abhängig von der Spielerzahl, 3-4 Stadtteile des neonpunkigen, futuristischen Chicagos, die frei auf der Spielfläche verteilt werden können. Hinzu kommt jeweils ein Positionsplättchen für jeden beteiligten Clan. Neben zahlreichen Papp-Markern, gibt es für jede Fraktion ein eigenes individuelles Deck und einen Clanbogen in guter Kartenqualität.

Galerie mit 9 Bildern: Vampire The Masquerade: Vendetta

Fazit: Wer soll das alles spielen?

Die Grafik mutet recht speziell an: Alles ist neonbunt auf schwarz gehalten, das Inlay quietschrosa. Thematisch wirkt das sehr passend und stellt eine sehr schöne Atmosphäre her, dürfte aber nicht jedermanns Sache sein.

VENDETTA überrascht jedoch vor allem im Spielverlauf. Die ausgewiesenen 30 Minuten Spielzeit lassen einen harmlosen Absacker erwarten. Dazu passend ist das Regelheft fix durchgeschmökert und auch mäßig routinierte Spieler dürften kein Problem mit zügigem Regelverständnis haben. Doch schon die erste Runde mit überschaubaren drei Handkarten je Spieler offenbart, was zugleich Fluch und Segen bei VENDETTA ist: Die strategischen Möglichkeiten sind komplex und vielfältig. Da aber jede Fraktion mit einem eigenen (relativ textlastigen) Deck in den Kampf zieht, setzt kluges Taktieren voraus, zahllose Karten sowohl im eigenen Stapel, als auch in den Händen der Feinde gut zu kennen. Wer nicht innerhalb weniger Züge das Kleingedruckte auf 70 Karten verinnerlicht hat, hangelt sich jedoch eher planlos von Runde zu Runde. Auch das macht Spaß und taugt zu einem intriganten Gemetzel, bei dem man immer wieder die Mitspieler nötigt, ihre Verbündeten zu verspeisen oder ihnen anderweitig in die Suppe spuckt. Vielspieler, die mehr wollen, als Karten abwerfen und auf Punkte hoffen, dürften damit aber unzufrieden sein. Hinzu kommt, dass einzelne Clanfähigkeiten und der Startspieler-Status eine echte Übermacht-Kombination darstellen, die sich nur mit guter Kenntnis der gegnerischen Fähigkeiten ausbooten lässt. Wer VENDETTA also wirklich planvoll spielen und die strategischen Optionen auskosten will, muss das Spiel gut kennen – also viel Zeit investieren. Und wer als Neuling gegen erfahrenere Vampire antritt, hat eigentlich sowieso keine Chance.

Man fragt sich daher, welche Zielgruppe sich von VAMPIRE THE MASQUERADE: VENDETTA angesprochen fühlen soll. Fans des Rollenspiels werden ihre Zeit lieber in das Rollenspiel selbst investieren. Gelegenheitsspieler dürften schnell von der Textfülle der Karten und damit verbundenen strategischen Komplexität gefrustet sein. Vielspieler hingegen werden den Mechanismus vermutlich nicht als innovativ genug erleben und die erforderliche Mühe investieren, um VENDETTAs Möglichkeiten voll auszuspielen.

Schade, denn unterm Strich ist VENDETTA dann eben doch ein leicht zu erlernendes, schnell gespieltes Area Control Game mit aussergewöhnlicher Grafik und erfreulich geringer Downtime, bei dem man die Mitspieler herrlich zur Weißglut treiben kann.

Spieleranzahl: 3-6 Vampire
Spielzeit: 30 Minuten
Verlag: Horrible Guild / Heidelbär Games
Sprachen: deutsch
Festivaltauglichkeit: trotz überschaubarem Material nicht zu empfehlen. Das Spiel verzeiht keine Ablenkung.
Musikempfehlung: Rob Zombie – The Sinister Urge


Würfeln und blättern, statt lauschen und headbangen – In der Rubrik „Dice ‚em All“ stellen wir euch ausnahmsweise keine Musik vor, sondern Rollen- und Brettspiele.

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