[Review] Incarceration – Empiricism (EP)

Lange war es still um das  deutsch-brasilianische Untergrundgerödel-Duo INCARCERATION, mittlerweile ist daraus eine vollwertige Band geworden, die mit der EP „Empiricism“ eine kurzweilige und herrlich rotzige neue Veröffentlichung heraus bringt. Neu sind dabei Pedro Capaça (VIOLATOR) und Alex Obscured (SPEEDWHORE) an den Gitarren. Das Produktionsniveau passt hier wie die Faust aufs sprichwörtliche Auge, denn so angepisst und räudig hat man lange keine Old-School-Kombo mehr vernommen, selbst verglichen zum definitiv eher im Untergrund zu verordnenden Sound-Niveau auf INCARCERATIONs EP „Sacrifice“ oder dem Debüt „Catharsis“. Das ist dann auch eigentlich fast das einzige Manko, denn ansonsten gilt: Gib ihm, gut!

INCARCERATION geben ordentlich auf den Deckel

Ja, früher, als die Welt noch in Ordnung war: Technische Fingerfertigkeiten waren noch nicht so wichtig, jugendlicher Sturm und Drang stand noch eher im Vordergrund, die Attitüde wurde belohnt. Kurz, Style over Substance. INCARCERATION geben sich anno 2021 herrlich anachronistisch im EP-Format mit einer für heutige Verhältnisse schon fast verboten primitiven Produktion und Herangehensweise ans Songwriting. Das macht aber in so manches Hörers Augen beziehungsweise eher Ohren diese Kapelle einfach so gut! Und ganz so böse, wie das eingangs klang, sollte das auch nicht sein: INCARCERATION bemühen sich allem Gerumpel zum Trotz um Abwechslung mit rudimentären Tempi-Wechseln, die aber auch vollkommen dafür ausreichen, diese kurzweilige EP nicht zu einseitig werden zu lassen.

„Cthonic Pulse“ eröffnet noch mit bedrohlichen Clean-Gitarren, ehe der Arschtritt kommt, weiß aber auch in der Mitte des Songs die Bremse zu ziehen und geschickt genug Schwere in einem Doom-artigen Ausklingen mit sogar rudimentärem Gesang auszuspielen. „Psychic Totality“ ist der Banger für den kleinen Hunger zwischendurch und auch „Beneath the Chains of Existence“ macht bis auf einen kurzen Midtempo-Stopp eigentlich keine Gefangenen. Bei „Chasms of Metaflesh“ revers eröffnendem Intro werden kurzzeitig freudige SLAYER-Erinnerungen wach, ehe eigentlich eher Todesmörtel-typisch einfach nur gewalzt wird und später dann in Grind-Manier die Geschwindigkeit sogar noch mal angezogen wird.

INCARCERATION machen sich eigentlich wie heute kultisch verehrte Untergrund-Bands bei ihren Anfängen, die dann auf so Namen wie SADUS oder REPULSION hören. Warum wird aber das eine dann historisch als wertvoll eingestuft,  in Kopie von heutigen Bands allerdings eher lächelnd als anbiedernd und primitiv abgewiesen? Gut, objektiv betrachtet haben wir es hier einerseits mit Krachmusik zu tun, bei denen sich einigen eher die Zehnägel hochrollen werden. Aber in Sachen Attitüde und Authentizität brauchen sich die Hamburger nicht unbedingt vor alten Untergrundperlen wie einem „Chemical Exposure“  hinsichtlich Qualität verstecken.

„Empiricism“ dürfte in seiner anachronistischen Haltung definitiv eher die Untergrund-Connoisseure anlocken

Klar, ein „Empiricism“ wird wahrscheinlich nicht auf der WACKEN-Hauptbühne landen, massig Airplay bekommen oder Album des Monats im Metal Hammer oder bei uns werden. Geringe Auflagen, am besten noch in ebenfalls anachronistischen Formaten (ja, neben Vinyl und CD gibt es hier auch Tape!), eingebettet in primitiven Sound und sonst nur konsequentem Vollgas sind beinahe schon ein Erfolgsrezept, um Old-School-Fanatiker und Sammler anzusprechen und genau diese Klientel wird INCARCERATION mit „Empiricism“ (hoffentlich) auch erreichen. For the Underground, by the Underground.

Ohne die rosarote Untergrund-Brille haben wir es immer noch mit ordentlichem Old-School-Death/Thrash zu tun, der vielleicht den ein oder anderen eben wegen der Primitivität hinsichtlich Sound, Songwriting und Produktion eher abschreckt und somit geneigt ist, ein bis zwei Punkte runter zu gehen. EPICA- und DREAM THEATER-Fans hören hier also lieber ganz schnell weg. Leute mit Affinität zu musikalischem Krach sollten zumindest in „Empiricism“ reinhören um zu entscheiden ob es mundet, denn Spaß machen INCARCERATION durch die kompromisslose Old-School-Attitüde durchaus.

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